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Beitrag von: Dr. Wolfram G. Theilemann

Frieden im Herbst – danach sieht es nicht aus…

Vielleicht dann aber einmal in die „Kantate 1951“ – für den Frieden der Welt  – von Walter Herbst hineinlesen und -hören ?

Archive sammeln u.a. Nachlässe mehr oder weniger bedeutender Personen, zumal wenn sie schaffensfreudige Kreative waren. Ein solcher in Nordhausen und im Südharz war Landesmusikdirektor Walter Herbst (1907-1987). Sein kompositorisches Schaffen ist heute als Nachlass im Stadtarchiv erhalten, aber weitestgehend unbekannt. Der Nachlass umfasst fast ausschließlich handschriftliche Partituren, Orchesterstimmen und Notenhandschriften eigener Kompositionen aus (1924) 1938-1982. Der Bestand umfasst derzeit 1,12 Regalmeter, aber auch frühere Kompositionen seit 1924 sind abschriftlich erhalten.

Bl. 1 des Manuskriptes der „Kantate 51“, (C) walter Herbst,, StadtA NDH, Best. 8.2./ 51.

Ein Walter Herbst persönlich sehr wichtiges, angesichts des damals zwischen West und Ost ‚heiß‘ ausgetragenen Korea-Kriegs (1950-1953), auch tagaktuelles Werk war seine „Kantate 1951. Kantate des Friedens“ für eine Sprecherin, einen Sprecher, gemischten Chor und grosses Orchester“ (Opus 72). Sie scheint textlich auch heute noch aktuell, ob auch musikalisch müssen andere prüfen…

Zeitungsnotiz zur Uraufführung der Kantate, aus: „Freiheit“ (?), 1951.
Textblatt 2 aus „Kantate 1951“ Für den Frieden der Welt, (C) Walter Herbst 1951, StadtA NDH Best. 8.2./ 51.

Doch wer war dieser Walter Herbst und was tat er im Südharz?

Carl Erich Walter Herbst wurde 1907 in Mannheim als Sohn eines Sekretärs und einer Kammersängerin geboren. Er begann mit 6 Jahren Klavierunterricht zu nehmen und gab als Neunjähriger sein erstes Klavierkonzert. Bereits mit 13 Jahren komponierte er und versuchte sich an Opern, Singspielen, Kammermusiken und Chormusiken. Herbst besuchte das Gymnasium in Zürich und bestand 1925 sein Maturum. In Leipzig und Würzburg studierte er Musiktheorie und Akustik, Physik und Pädagogik, erlernte Orgel und Harfe. Seine Lehrer waren die Prof. J. Pembauer (1875-1955) in dessen Meisterklasse Klavier, weiterhin die Prof. St. Krehl, S. Karg-Elert und G. Ramin sowie im Dirigieren Prof. K. Pohlig.

Herbst wurde Pianist und Theaterkapellmeister, komponierte und war auch als Dozent tätig. Von 19291939 amtierte er in Braunschweig, Bernburg, Stolp in Pommern und Frankfurt/Oder, absolvierte als Pianist eine Europatournee (1929-1936), u.a. in der Sowjetunion, und lehrte als Dozent für Schallforschung in Hamburg und Danzig. 1936 erhielt er in Danzig auch eine Professur. 1936-1939 arbeitete er zugleich als Pianist für den Reichssender Hamburg. Er wurde Mitglied der NSDAP und Referent der Hauptstelle „Kulturpolitisches Archiv“, das dem 1934 eingerichteten Amt des „Beauftragte(n) des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAPAlfred Rosenberg unterstellt war.

Von 1939-1945 diente Herbst in der Wehrmacht bei der kulturell-musikalischen „Wehrbetreuung“ in Garnisonen und Häfen Westpreußens. In dieser Zeit entstanden u.a. seine II. Sinfonie, viele Lieder, deren Uraufführungen z.T. über den Reichssender Danzig gesendet wurden. Herbst geriet im April 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo er gleichwohl Zeit und Gelegenheit zu kompositorischen Arbeiten fand. Bereits im September 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, nahm er 1945-1948 ein Engagement in Stralsund an. 1948-1950 war Herbst als musikalischer Oberleiter in Sangerhausen, wo er Leiter der Fachschule für Orchestermusiker in Sangerhausen-Eisleben war.

1950/1951 kam W. Herbst als Kapellmeister nach Nordhausen. Nach Aufgabe dieser Stelle, um sich als Künstler kompositorisch und kammermusikalisch zu betätigen, übernahm er am Anfang der Spielzeit 1954/1955 dann doch in Vertretung des erkrankten Musikdirektors Johannes Fritzsche (1903-1974) die musikalische Leitung des Städtischen Theaters Nordhausen. Nach dem Weggang J. Fritzsches wurde Walter Herbst neuer musikalischer Leiter des Theaters und amtierte hier bis um 1960. W. Herbst wurde zum Landesmusikdirektor ernannt und gewann als Kapellmeister und musikalischer Leiter überregionales Ansehen in der DDR. 1960/1961 war er Oberleiter am Elbe-Elster (Gastspiel-) Theater Wittenberg, dann 1962 am Opernhaus Karl-Marx-Stadt. 1964 kehrte er an das Theater Nordhausen bzw. in den Landkreis Nordhausen zurück.

Manuskriptseite des „Weihnachtsoratoriums“, (C) Walter Herbst 1965, StadtA NDH, Best. 8.2./ 9.

Nebenamtlich war er u.a. 1963-1974 auch Chorleiter des Chores „Echo“ Sollstedt von 1856, damals Werkschor des Kaliwerkes „Karl Marx“. Dessen Repertoire beinhaltete Liedgut von Beethoven, Mozart, Schubert, Brahms, Verdi, aber auch aus Oper, Operette, Musical u.a. Als Komponist schuf Herbst 1965 ein „Weihnachtsoratorium“ und führte es in Sollstedt auf, erhielt aber auch 1970 vom Ministerium für Kultur den Auftrag, eine ‚linientreue‘ Kantate für Orchester und Chor zu schreiben. Da Herbst auch noch als Dozent an der Kreismusikschule in Leinefelde tätig war, schrieb er für deren Sinfonieorchester eine „Lenin-Kantate“, deren Uraufführung er mit dem gemischten Chor Sollstedt dirigierte. W. Herbst erhielt mehrere Auszeichnungen für hervorragende Leistungen im „Nationalen Aufbauwerk“, war auch „Aktivist“. Seine „Böhmische Suite“ wurde in den 1970er Jahren in der CSSR aufgeführt und über den Sender Bratislava gesendet.

W. Herbst hat insgesamt seit 1924 (Opus 1) bis 1982 u.a. 60 Lieder, mehrere Oratorien bzw. Kantaten und 14 Kammermusikwerke sowie vier Sinfonien komponiert, von denen die I. Sinfonie bereits 1936 in Travemünde uraufgeführt worden sein soll, die II. 1944, die IV. Sinfonie entstand 1972 in Utterode.

W. Herbst heiratete 1949 in Sangerhausen die Schauspielerin/Balletistin Johanna Luppe aus Berlin. Sie wurde als Schauspielerin auch als „Hansi Luppe-Herbst“ bekannt und war mindestens vom Ende 1951 bis zum Sommer 1952 an den Bühnen Nordhausen engagiert. Das Ehepaar wohnte in dieser Zeit noch in Nordhausen, Kollwitzstraße, zog 1964 nach der Rückkehr in den Südharz nach Utterode b. Rehungen, wo es wohl bis 1975 im ehem. Forsthaus (Templer-Kollekturhof, 1975 vom Künstler Heinz Scharr bezogen) lebte. Das Ehepaar verreiste öfters ins sozialistische Ausland, zumal in die CSSR, nach 1972 auch mehrfach in die BR Deutschland. Herbst selbst verstarb kurz vor seinem 80. Geburtstag 1987 in seiner Wohnung in Neusollstedt b. Rehungen, und wurde dort auch beerdigt. Seine Gattin und offenbar ebenso geduldige wie kameradschaftlich inspirierende Johanna Luppe-Herbst zog 1991 nach Nordhausen und verstarb hier 1992.

Textabschnitt aus: „Kantate 1951“, (C) Walter Herbst, 1951, StadtA NDH, Best. 8.2./ 51.

Sein – oder besser – Ihr Andenken und Schaffen scheint es wert, geschätzt und gepflegt zu werden, mindestens dort, wo es geschaffen wurde – in Nordhausen/Harz –, und überall, wo es auch heute noch um den ‚Frieden der Welt‘ geht.