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Beitrag von: Dr. Wolfram G. Theilemann

„Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

… und dafür müsse man auch Geld in die Hand nehmen. So betonte es Staatssekretär des Äußeren, Bernhard v. Bülow, 1897 in einer Debatte um die Kolonialpolitik im Reichstag. Ganz ähnlich dürfte auch die politische Stimmung in den ‚maßgeblichen Kreisen‘ des Reiches kurz vor der „2. Marokko“-Krise im Juli 1911 gewesen sein, inzwischen freilich schon mehr von echter „Kanonenbootpolitik“ bestimmt. Die war damals gar nicht so unpopulär, wie ein besonderes Foto zeigt. Heute sind wir freilich weit darüber hinaus…

Das 2022 mit einem Vorlass aus privater Hand ins Stadtarchiv gelangte Foto ist ein Erinnerungsbild an einen Besuch zahlreicher Landräte, Verwaltungsbeamter, Offiziere a.D. und Nachwuchsjuristen im deutschen Kriegshafen Kiel, ca. 1911. Ob es freilich eine Delegation des „Alldeutschen Verbandes“ oder der „Deutschen Kolonialgesellschaft“, eine Exkursion von Alten Herren eines borussischen Corps oder einer anderen Vereinigung war, ist noch offen. Jedenfalls ließ man den Besuch aufwendig dokumentieren und ein Nordhäuser bewahrte das Foto sicher durch die Zeiten. War er dabei…?

Foto: Arthur Renard, Kiel, ca. 1911, StadtA Nordhausen/Harz, Akz 2022/41.

Die sehr zahlreiche zivile (männliche) Besucherschaft aus ganz Preußen präsentierte sich dem Kieler Fotografen auf dem vorderen Oberdeck der SMS Elsass. Sie war ein seit 1901 in Danzig gebautes und 1904 in Kiel in Dienst gestelltes Linienschiff der Brauschweig-Klasse mit gerade neu entwickelten, imposanten Schnellladekanonen vom Kaliber 28 cm. Angesichts der damaligen kolonialpolitischen Zuspitzungen und der von Kaiser und Admiralen eifrige geförderten Marinebegeisterung war der Besuch auf dem Schiff von Kapitän z.S. Hubert v. Rebeur-Paschwitz (1863-1933) samt seinen 35 Offizieren und 708 Mannschaften sicherlich ein spannendes, politisch unbedingt korrektes und zugleich Abwechslung vom zivilen Alltag versprechendes ‚Muß‘. Mochte nun die Zukunft Deutschlands auf dem Meer liegen, wie der Kaiser schon 1896 verkündet hatte, oder nicht: jedenfalls hatte das Schiff schlanke 24,373 Millionen goldene Reichsmark an Steuergeldern gekostet. So etwas sollte man schon einmal gesehen haben, auch wenn man nicht zu einer der vielen damaligen Marinekameradschaften (die es ja bis vor wenigen Jahren auch in Nordhausen gab, jetzt auch einen eigenen Archivbestand) gehörte.

Um 1911 freilich war „Kanonenbootpolitik“ kein harmloser Begriff, Krieg lag in der Luft: Der sogenannte „Panthersprung nach Agadir“ vor 111 Jahren war der Auslöser für eine heftige weltpolitische Krise. Denn um der französischen Kolonialexpansion im Sultanat Marokko nach einem ersten Scheitern 1906 doch noch Einhalt zu gebieten und die deutschen Exportinteressen in der Region zu wahren, ließ Kaiser Wilhelm II. das deutsche Kanonenboot „Panther“ nach Agadir in Marokko entsenden. Wäre es die SMS Elsass gewesen, hätte das wohl tatsächlich den Krieg mit Frankreich ausgelöst. So wurde aber auch das Vorgehen von den Konkurrenten als vorsätzliche Provokation, ja Aggression gebrandmarkt. Das Kreuzen auf der Reede vor Agadir – mehr geschah glücklicherweise nicht – wird seither als „Panthersprung“ bezeichnet.

Das Deutsche Reich strebte damals danach, im Wettlauf der Welt- und Großmächte um Kolonien und Einflußsphären seine Kolonialmacht zu erweitern und eigene Gebiete, vor allem im mittleren Afrika, zu vergrößern. Man beanspruchte daher als Druckmittel eine Einflusszone in Westmarokko. Dies stieß auf den Widerstand Frankreichs, das seine vorherrschende Stellung in Französisch-Westafrika bedroht sah. Die Krise wurde letztlich beigelegt, nach zähen Verhandlungen kam ein „Marokko-Kongo-Vertrag“ zustande. Das Deutsche Reich erkannte die französische Schutzherrschaft in Marokko an, die 1912 in ein Protektorat umgewandelt wurde und erst 1956 endete. Dafür erhielt es ein Teilgebiet des französischen Kongo zugesprochen, das an Deutsch-Kamerun grenzte: ein (letzter) magerer Etappensieg für die deutschen Kolonialpropagandisten, kein Trost für die deutsche Wirtschaft und ein saurer Apfel für die (damaligen) Marokko-Deutschen.[1]


[1] Vgl. Mai, Gunther, Die Marokko-Deutschen 1873-1918, Göttingen 2017².